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Kultur • 17. März 2026

Geschichten aus Wien mit Friedrich von Thun in der kING in Ingelheim

Er ist zwischenzeitlich 83 Jahre alt und noch kein bisschen müde. Der Grandseigneur, der einen unverwechselbaren Charme besitzt, lebt heute in München, wo er auch 1960 Germanistik und Theaterwissenschaften studierte. Seine Vita, die ihn von Mähren nach Österreich führte, spiegelte sich in seiner Lesung in der Ingelheimer kING, die musikalisch von Maria Reiter auf dem Akkordion begleitet wurde.

Mit Friedrich Rosenfeld, 1902 in Wien, Österreich-Ungarn, geboren, eröffnet von Thun seinen literarischen Parcours durch die k. und k. Monarchie, die letzte Phase der Habsburgermonarchie bis 1918. Aus der Militärkomödie „Der Feldherrnhügel“ von Roda Roda, werden Kuriositäten der Donaumonarchie liebevoll aufs Korn genommen. Daraus präsentiert von Thun „Das Meckern der Ziege“, das er gekonnt imitiert und die Lacher des Publikums auf seiner Seite hat. 1910 wurde das Stück mit einem Aufführverbot belegt. Der zuständige Zensurbeamte soll damals Roda Roda und seinem Mitautor Rössler mitgeteilt haben, dass das Stück nicht mehr aufgeführt werde, „so lange die österreichisch- ungarische Monarchie besteht“. Rössler tröstete daraufhin seinen Mitautor mit den Worten „Kränk dich nich Roda, die paar Wochen wart‘ ma halt noch.“

Von Thun entführt seine Zuhörer in die Tradition des Wiener Kaffeehauses, denn viele Geschichten sind dort entstanden. Das Kaffeehaus war die Heimat der Künstler, so von Thun, man konnte Zeitung lesen, „war nicht zu Haus und doch nicht an der frischen Luft“. Weltliteratur ist im Kaffeehaus entstanden. Wien wurde zwei Mal von den Türken belagert, man fand daraufhin „Säcke mit Körnern“, was der Anfang des Kaffees war. Alfred Polgar, einer der bekanntesten Autoren der Wiener Moderne, war Stammgast im Café „Central“. Mit der Geschichte „Der verlogene Heurige“, erfreut von Thun mit einem ausgesuchten Leckerbissen, denn es geht ums Trinken und Essen. Passend dazu umrahmt Maria Reiter die Geschichte mit „Das muss ein Stück vom Himmel sein, Wien und der Wein“ und „Trink wir noch ein Flascherl Wein“, was vom Publikum mit viel Applaus bedacht wird.

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Friedrich Thorberg, leidenschaftlicher Café Besucher und rauchender Schriftsteller, musste erleben, dass seine Bücher mit 3. Reich verboten wurden. Er konnte in die USA emigrieren, kam aber nach dem Krieg nach Wien zurück. In „Auch Nichtraucher müssen sterben“ nimmt er seine Rauchleidenschaft auf den Arm.

Die bekannte Kurzgeschichte des österreichischen Schriftstellers Gustav Meyrink mit dem Titel „Der heiße Soldat“ thematisiert die Absurdität des Militärlebens. Schwarzer Humor und groteske Übersteigerung kennzeichnen die Erzählung über einen Soldaten im Lazarett, dessen Körpertemperatur soweit ansteigt, dass er seine Umgebung entzündet. Mit „Der gemüthskranke Husar“ und einer sprachlichen Meisterleistung der phonetischen Wiedergabe österreich-ungarisch-tschechischer Namen verabschiedet sich von Thun, der an diesem Abend den Vielvölkerstaat der Donaumonarachie treffend beschrieben hat.

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